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American Graffiti (1973)

19. Juli 2010

„American Graffiti“

Es wäre leicht dem Film einen verklärenden Blick auf die frühen Sechziger mit ihrer Unschuld vorzuwerfen, in Wirklichkeit aber setzt sich der Film mit genau diesen Themen auseinander:

Nostalgie, ewige Jugend und Nicht-Loslassen-Können. Diese Dinge manifestieren sich in diversen Personen und Handlungen, zunächst einmal im Protagonisten Curt, der sich nicht sicher ist, ob er seine Kleinstadt wirklich verlassen will um ins College zu gehen. Dann ist da noch Steve, der mit seiner Freundin eine offene Beziehung eingehen will, solange er fort ist (vielleicht ein Hinweis auf die Hippiebewegung Ende der Sechziger mit freier Liebe? ) und John, der schon lange kein Jugendlicher mehr sein sollte, aber eben nicht loslassen konnte. Terry (genannt Toad ) passt in diese Konstellation eigentlich nicht rein, er muss die Jugend in dieser letzten Nacht wohl selbst erst noch richtig entdecken, bevor er sie irgendwann vermissen kann.

We’re finally getting out of this turkey town, and now you wanna crawl back into your cell, right? You wanna end up like John? You just can’t stay seventeen forever.

– Steve

Curt begibt sich nun auf eine kleine Odyssee, genau eine Nacht, um alte Freunde nochmal zu sehen und um zu entscheiden ob er wirklich weg will. Auf dem Schulball trifft er einen Lehrer wieder, der selber nach einem Semester wieder nachhause geflüchtet ist, weil er wohl Angst hatte, wie er sagt. Kurz darauf stellt sich raus, dass er scheinbar eine Beziehung mit einer Schulkameradin Curts hat. Er ist also nicht erwachsen geworden, sondern hängt diesem Traum der Jugend nach. Eine Exfreundin trifft Curt auch noch und man meint beinahe, er käme auch mir ihr wieder zusammen. Dies wird aber auch nur dadurch verhindert wird, dass er in Wirklichkeit einer Blondine hinterherjagt, die er einem einem weißen Thunderbird gesehen hat, ein Traumbild eigentlich.

Als er dann von der Pharaogang mitgenommen wird, sollte es eigentlich gefährlich für ihn aussehen, aber selbst die Jugendgang hat hier noch eine Unschuld und außer ein bisschen Geld aus den Flipperautomaten zu klauen und den Polizisten einen Streich zu spielen (zugegeben, ein teurer Streich ) tun sie auch nichts weiter schlimmes. Im Grunde aber – und Curt wird das noch erkennen – sind auch sie Jugendliche, die nicht loslassen können und immernoch in der selben Kleinstadt festsitzen.

Später trifft Curt sogar noch Wolfman Jack, den legendären Mann aus dem Radio, um ihn eine Nachricht für die Blondine sprechen zu lassen. Der Radiomoderator behauptet nicht Wolfman zu sein und zeigt Curt Kassettenaufnahmen der Moderationen: Wolfman Jack sei ständig unterwegs und komme nur ab und zu vorbei um die Kassetten abzugeben, die Welt da draußen habe so viel zu bieten; er sitze hier fest und macht Nacht für Nacht die Sendung. Es wird klar, dass er selbst doch Wolfman Jack ist und Curt vom College und dem Wegziehen überzeugen will, weil er selbst seine Reisen nur im Traum antritt und ein Teil des Traums all der Jugendlichen da draußen ist. Er hat den richtigen Zeitpunkt verpasst und sitzt nun fest. Der Film offenbart also praktisch jede verklärte Vorstellung der Dinge als einen nostalgisch gefärbten Traum, zumindestens für Curt.

I don’t like that surfin‘ shit. Rock and roll’s been going down hill ever since Buddy Holly died.

– John

John, von dem alle wie über Wolfman Jack denken, dass er der Größte ist, die Nummer Eins, ist am Ende desillusioniert: er hat das Wettrennen nach Einschätzung eines Profis wie ihm selbst nicht gewonnen, auch wenn Terry es nicht glaubt und meint er würde ewig die Nummer Eins bleiben. Das Auto des Konkurrenten ist explodiert und damit sind auch alte Träume zerplatzt. Schrifttafeln am Schluss verrraten, dass John bei einem Autounfall stirbt, Terry in Vietnam vermisst wird, Steve eine Arbeit findet und Curt als Schriftsteller in Kanada leben wird. Es bleibt am Ende: John desillusioniert, Steve entschlossen noch zu warten, seiner Freundin wegen, Terry um ein paar Erfahrungen reicher und nur Curt fliegt davon. Seine Perspektive hat sich im Laufe der Nacht geändert und jeder geht seinen Weg, der Liebe und süßen Erinnerungen braucht man nicht hinterher zu rennen.

Der Film ist also nicht nur selbst ein Nostalgieprodukt, sondern sich dessen völlig bewusst und stellt die Geschichte als eine Erinnerung dar. Die Musik dient hier nicht nur der Auferstehung der Zeit, sondern bietet immer wieder ironische Zwischentöne wenn sie auf den Straßen mal lauter mal leiser aus den Autoradios tönt. “Get a Job” läuft während die Pharaogang sich an den Flipperautomaten zu schaffen macht und diverse kitschige Liebeslieder kommentieren die verschiedenen mehr oder weniger komplizierten Beziehungsverhältnisse der Figuren zueinander. Interessant auch, dass die Musik fast immer klar verortet ist, also zu 90 Prozent aus dem Radio kommt, was auch am Klang festzustellen ist und sie durch den ganzen Ort hindurchzuschwingen scheint, aus allen Radios durch die ganze Stadt.

Gut möglich, dass American Graffiti George Lucas‘ bester Film ist und leider bezeichnend, dass er das Drehbuch nicht oder zumindestens nicht alleine geschrieben hat. Aber das soll das Filmerlebnis nicht schmälern. Der Film dekonstruiert den American Dream und die allgemeine Nostalgie ja auch nicht, zeigt höchstens ihre Grenzen auf und erklärt es zu einer schönen Erinnerung an vergangene Zeiten.

One Comment leave one →
  1. 19. Juli 2010 21:02

    So interessant, dass ich gleich was dazu schreiben musste.

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