Skip to content

Fliegen in die Freiheit – Eine Miyazaki Retrospektive

21. Juni 2010
Porco Rosso

Flucht oder Rückkehr? Der Himmel ist bei Miyazaki Heimat und Asyl zugleich

Über die Filmkunst Miyazakis wurde schon viel geschrieben und gelobt. Ein Punkt der bei einer jeden guten Miyazaki Werksschau angesprochen wird sind die typischen Themen in Miyazakis Filmen. Umweltverschmutzung und die Sinnlosigkeit des Krieges sind dabei dominant und werden oft genannt. Nur zu verständlich angesichts Miyazakis berühmtesten Werken, wie Prinzessin Mononoke, Nausicaa und Chihiros Reise ins Zauberland.

Ein weniger beachtetes Thema ist dabei Miiyazakis Liebe zum Fliegen. Mehr Motiv als Thema zieht sich dieses jedoch genauso durch sein Schaffen wie seine anderen Markenzeichen. Selten tritt es dabei so in den Vordergrund wie im Film des Titelbildes Porco Rosso, dennoch ist ein Verständnis dieses Motives essentiell für ein Verständnis von Miyazakis Filmen überhaupt.

Der Himmel, die Flugzeugkunst und das Fliegen ansich sind dabei jedoch kein festgelegtes Symbol sondern oftmals Ausdruck der Psyche seiner wechselnden Protagonisten. Eine Betrachtung des Fliegens in Miyazakis Werken gleicht also einer Analyse seiner Filme.

Lieber ein Schwein als ein Faschist

In Porco Rosso ist Fliegen eindeutig ein Ausdruck der Freiheit.  Marco die Hauptfigur aus Porco Rosso, ein italienisches Fliegerass aus dem ersten Weltkrieg etwa flieht durch das Fliegen aus den Zwängen der Gesellschaft. Als Protest gegen das aufkommende faschistische Regime hat er sich aus der Gesellschaft seiner Mitmenschen entfernt. Symbolisch wie real durch seine Metamorphose zum Schwein.

Er ist ein Freibeuter der Luft, der sich nur dort heimisch fühlt. Dies ist die zweite Leseart des Flugmotivs, Marco/Porco fliehen nicht nur in den Himmel, sie kehren dorthin zurück. Dort wo Marco die Schrecken des Krieges erlebt hat und wo er zum Porco wurde. Der Himmel als Geburtsort, als natürliches Element des Protagonisten. Dies wird durch die Darstellung verstärkt. Die Action, die Unruhe findet stets auf dem Boden oder zumindest in Bodennähe statt. Der Himmel jedoch ist ein Hafen der Ruhe. Über den Wolken findet Porco sein Asyl, seine Ruhe.

Ganz anders hingegen in „Laputa“ (das Schloss im Himmel), Fliegen dient dort nicht als Flucht sondern als Symbol von Ambitionen, von Träumen und Sehnsüchten. Der Prozess der Herstellung von Flugzeugen zeigt sich uns als Kunst, als Traumfabrik. Die fliegende Insel als vermeintliches Paradies. Abgehoben von irdischen Zwängen entpuppt sich dieser Ort dennoch als Schlachtfeld der Ideologien, wie es unsere Träume immer sind.

Traum oder Paradies?

Traum oder Paradies?

Wieder anders stellt sich unser Motiv in Nausicaa dar, dem ältesten hier betrachteten Film. Das Fliegen ist für uns, die Zuschauer primär ein Sinnbild der Protagonistin. Es verdeutlicht ihren dynamischen und wilden Charakter, eindeutig symbolisiert durch die kleinen, wendigen Gleiter. Auf der anderen Seite sehen wir die großen, schweren, unnatürlichen Schlachtkreuzer des feindlichen Imperiums und die chaotische, Schrottkiste der liebenswürdigen Luftpiraten.

In Kiki´s Lieferservice begegnet uns das Fliegen ebenfalls als Metapher der Protagonisten. Fliegen ist hier Teil der Identität – für Kiki – oder Teil der Wunschidentität – für Tombo –  und zusätzliches verbindendens Glied zwischen den Hauptdarstellern. Als sozialer Kommentar ist es natürlich auch Fable für die Andersartigkeit von Kiki, aus der die Moral erwächst sich selbst anzunehmen.

Das Fliegen und all seine Symbolik haben also ein mannigfaltiges Bedeutungsrepotoire in den Filmen Miyazakis. Selbstzitate bleiben dabei natürlich nicht aus. Dies mag offensichtlicher sein wie in der Ähnlichkeit der Piraten in Nausicaa und Laputa oder aber tiefgreifender. Das wandelnde Schloss nahm sich etwa 2004 einige Metaphern von seinem zwölfjahre Alten Vorgänger Porco Rosso. Protagonist Howl entzieht sich der Gesellschaft und den an ihn gesteckten Erwartungen ebenfalls durch Metamorphose (sei es durch Verkleidungen, oder näher am Punkt, durch die Verwandlung in einen großen Vogel) und flieht in den Himmel. Ein Aufstieg in die Luft und sei es im Tanze dient also auch hier wieder als Flucht und Rückkehr.

Und da schließt sich auch der Kreis wieder beim Schöpfer des Mythos. Denn für Miyazaki selbst ist das Fliegen ebenfalls eine ausgezeichnete Metapher. Ich möchte keine Interpretation eines Mannes geben, den ich nicht kenne. Dennoch macht vor seinem Schaffen, seiner Biographie, die Parabel des Fliegens nur Sinn. Miyazaki der, und das verwundert nun wenig, Sohn eines Flugzeugproduzenten ist wächst im Nachkriegsjapan auf. Waren die 50er Jahre allgemein sehr konservativ, so trifft dies sicherlich besonders auf Japan zu. Eine geschlossene Gesellschaft, die nur wenig Individualität und Andersartigkeit erlaubt. Die kein Boden für Träume sondern für pragmatische Arbeit ist.

Vor diesem Hintergrund sehen wir das Fliegen wieder als Metapher der Gesellschaftsflucht, als Traumvorstellung des Künstlers und als Bestätigung der Andersartigkeit. Kurzum als Symbol für Miyazaki selbst, der das Leitmotiv seines Lebens als Leitmotiv seines Schaffens vorgibt. Der Protagonist der durch Kreativität und Luftschlössern den gesellschaftlichen Zwängen entkommt, das ist Miyazaki der Künstler. Seine Filme sind dabei seine Flugzeuge die ihn zur Freiheit leiten.

3 Kommentare leave one →
  1. wolffarre permalink
    21. Juni 2010 23:17

    Gefaellt mir. Dass Miyazakis Vater Flugzeuge gebaut hat wusste ich nicht, ist natuerlich interessant. Und mir war gar nicht so sehr aufgefallen, dass die Action bei Porco Rosso tatsaechlich praktisch nur auf dem Boden stattfindet! Das haut mich beinahe um…
    Hier uebrigens ein interessanter Artikel zu Porco Rosso:
    http://wayward-cloud.blogspot.com/2010/04/miyazakis-gefuge.html
    Wir sollten wirklich mal ne Reihe zu Miyazaki starten, jeder uebernimmt dann ein paar Filme oder so.

  2. 24. September 2010 20:37

    Miyazaki und der Himmel, dazu habe ich mir auch schon einige Gedanken gemacht, die meisten davon hast du aber in deinem Artikel gut ausformuliert. Schöner und passender Titel. Die Flugobjekte in Miyazakis Filmen sind meist ziemlich fantastisch, was mir sehr gut gefällt und das gute Flair seiner Filme unterstreicht.

    Sehr schön🙂

Trackbacks

  1. Kurzkritiken: The American (2010), Ponyo (2008) und Lucy (2006) « Treibgut

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: